ANDREAS BREIDERT - BUCHAUTOR

Wer mehr wissen möchte…

 

Kerbsamstag wird am Hessenplatz, der Dorfmitte der südhessischen Gemeinde Erzhausen eine Leiche gefunden. Ein Stammtischbruder macht auf dem Heimweg den unerwarteten Fund. In einer Art Schlafposition findet er einen Mann, dem ein Messer im Rücken steckt. Die Identität des Mannes ist zunächst unklar, auch sein Bezug zu Erzhausen. Doch nicht nur das, auch der Fundort, dieser verwaiste Dorfplatz, der ständig der Diskussion von Verkauf bis Bebauung ist, gibt Anlass zu allerlei Spekulationen. Noch während die Polizei den Tatort in Augenschein nimmt wird über den Tathergang gemutmaßt.

 

Kommissar Peter Strock - frisch in seinem neuen Leben und im Rhein-Main-Gebiet angekommen - tappt zunächst im Dunkeln. Bei seinen ersten Ermittlungen stellt der gebürtige Norddeutsche fest, dass die Einwohner sehr eigen sind. Am Stammtisch versucht er zu ermitteln, doch als ein alkoholfreies Bier bestellt ist er bereits unten durch: „Wann de kronk bist, trink halt liewer glei en Tee!“

Als er im Rathaus den gut informierten und neugierigen Erzhäuser Schorsch Wackermann kennenlernt ist ihm zunächst nicht klar, dass dieser Rentner der Zugang zu den gesuchten Informationen ist. Als er sich widerwillig auf dessen Hilfe einlässt erzielt er erste Erfolge; doch die Eigentümlichkeit des Erzhäusers macht dem Kommissar das Leben schwer. So ergibt sich zwischen den beiden immer wieder ein Wechsel zwischen Partner und Konkurrent.

Den einen packt der Ehrgeiz schneller als die Polizei zu sein, der Kommissar möchte dem Hobbyermittler nur so wenig wie möglich Information zukommen lassen um die Polizeiarbeit nicht zu gefährden.

Natürlich richtet sich ein Lokalroman in erster Linie an die Einwohner des Handlungsortes -aber ist dann nicht jeder Roman, der in einer realen Stadt spielt, ein Lokalroman? Diaklektliebhaber und solche, die es noch werden wollen, werden an dem Buch Interesse finden, denn es vereint den Lokalkolorit Südhessens mit dem Alltag und dem Umgang in ländlichen Regionen. Man muss die Straßen und Plätze nicht kennen um merken: wie bei uns zuhause/ wie damals/ wie in unserer Familie.

Dieses Gefühl, diese innere Verknüpfung des Stoffs mit eigenen Erfahrungen im zwischenmenschlichen Umgang eines Dorfs, verbunden mit dem Wortwitz des Buches bleibt: „Ich bin nicht stur - ich bin nur meinungsstabil.“

Wer das Dorfleben nicht kennt, bekommt einen Einblick wie ein Ort wie Erzhausen im Allgemeinen und Erzhausen im Speziellen tickt. Ja, Erzhausen hat eigene Regeln, so gibt es zum Beispiel hier nur drei statt vier Himmelsrichtungen: owwe, unne unn hinne. Schon daran sieht man: hier läuft einiges anders. Das dörfliche Leben kann liebenswert sein - und zugleich auch wieder nicht.

 

Was Heinz Schenk mit dem Blauen Bock gelungen ist - den hessischen Dialekt mit Unterhaltung zu kombinieren - findet hier seine Fortsetzung: Dialekt kombiniert Krimi.

 

Doch die Buschtrommeln im Ort sind meist schneller als die Polizei. Alles scheint sich um den Flugplatz Egelsbach zu drehen, irgendwie verflochten mit der Dorfpolitik. Ein weiterer Ansatzpunkt bildet der örtliche, sehr elitäre und äußerst verschwiegene Spargelbauernverband. Einiges wird geboten in Erzhausen: Der Großgrundbesitzer will sich noch mehr Grund aneignen, ein Kommunalpolitiker will seinen Vorteil gewahrt wissen, der Bürgermeister sieht alles immer (viel zu?) positiv und zeigt Verständnis für jeden und ein unbescholtener Bürger mit einem kleinen Wehwehchen werden die unmöglichsten Krankheiten angedichtet.

 

Dabei begegnet der Kommissar typisch dörflichen Gewohnheiten, wie es sie überall in der Provinz gibt: die Männer wollen sich nicht mit einem Fremden unterhalten, die Damen dafür um so lieber. So wird eine sehr an Peter Strock interessierte Dame mit den direkten Worten des ehrenamtlichen Polizisten Wackermann abgekühlt: „Beruhisch doin Unterleib, mach die Blus zu unn sei still - doi beste Zeide sinn aach vorbei!“ Stammtisch-Polemik und Flirt-Versuche sind ebenso an der Tagesordnung wie der mehr oder weniger starke Dialekt, der im Buch in Lautsprache eingebettet ist.

 

Strock und Wackermann senden oft auf der gleichen Wellenlänge, manchmal jedoch ist der Rentner ihm mit seinem Heimvorteil ein Stück voraus. Das passt dem korrekten Polizisten überhaupt nicht. Die beiden Ermittler umkreisen sich bis sie schließlich erkennen, dass sie nur gemeinsam den Fall lösen können. Als die beiden ihre Puzzleteile zusammen auf den Tisch legen wird das Bild endlich klar - ein turbulentes und aberwitziges Bild.

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